Straßenkatzen und das Weihnachtsfest 2010

-Ein Erlebnisbericht aus dem Leben mit den Straßenseelen-

Dunkel und grau waren die letzten Tage vor Weihnachten, aber ohne Frost. Der tägliche Blick auf die Wettervorhersage für Weihnachten lies mich verzweifeln. 80 Millionen Einwohner gegen Einen – ich habe verloren, die weiße Weihnacht sollte kommen! Die Hoffnung ruhige Abende mit meiner Familie verbringen zu können und ohne Verpflichtungen außer des Genusses von Punsch bei Kerzenlicht mit Decke um die Beine, wurde zerstört.

Seit nun 4 ½ Jahren versorge ich die ärmsten Straßenkatzen des Vereins, jene, die keine warmen Scheunen, Hinterhöfe oder Gartenlauben haben. 50 Katzen ohne Wasserzugang und umgeben von meist vergifteten Ratten, deren Verzehr aus Hunger tödlich enden. Ich spreche von „meinem Revier“, einem großen Industriegebiet in Karlsruhe, einem Ort an dem Katzen einen hohen Versorgungsaufwand benötigen. Ich habe drei weitere treue Helfer. An Frosttagen jedoch, an denen das nötige Fressen und Wasser einfriert, ist nicht genügend Equipment (Wärmebehälter) vorhanden, um jeden Helfer damit auszustatten. Ebenfalls kann nicht jeder 3 Stunden täglich am Abend auf sich nehmen, denn so lange benötigt man für Richten und Ausfahren mindestens! An Frosttagen sind wir nur also noch zu zweit, neben dem Beruf. An warmen Tagen kann ich mich auf meine Truppe blind verlassen und auch mal aufatmen sowie mich auf andere Tierschutzarbeiten konzentrieren.

Abb. 1: Vollgepackter Kofferraum, um die herrenlosen Straßenkatzen im Winter zu versorgen

Die Verantwortung für diese 50 Fellnasen liegt also in meiner Hand – auch an Weihnachten. Wie schon erwähnt, hat dieses Jahr eine höhere Macht meine erhoffte ruhige Zeit zunichte gemacht. Mit gefüllten Isolierkannen, speziellen Wärmebehältern mit heißem Wasser und gefüllter Futterschale sowie weiteren isolierenden Gegenständen ging es also auch an Weihnachten raus „auf die Piste“ (Abb. 1).

Abb. 2: Das Weihnachts-Work-Out: die Katzen-Zugangswege werden freigeschaufelt

Abb. 3: Nachdem das Eis mit dem Hammer befreit wurde, folgt das Auffüllen mit heißem Trinkwasser

Acht Futterstellen warteten wieder auf mich, eine einsame und lange Autofahrt. Mit der warmen Lieferung und den isolierten Häuschen vor Ort konnte ich mir sicher sein, dass auch meine scheusten Lieblinge Stunden später noch Essbares auffinden würden. Der Schnee wurde dichter und am nächsten Fütterungstag kam die Ernüchterung. Die Schneemassen wurden zu hoch, die Katzen kamen nicht mehr zu den Futterstellen durch. Zudem war an den Weihnachtstagen die Temperatur auf knapp minus 15 Grad gesunken. Der Schnee war unberührt, kein Gramm Futter wurde gefressen. Nur mein Straßenkater Samson von meiner dritten Futterstelle versuchte verzweifelt den Weg zur Futterstelle auf sich zu nehmen und walzte seinen Bauch durch die Schneemassen. Auch der sonst übliche städtische Winterdienst, der wenigstens uns die Wege halbwegs frei machte, wurde an Weihnachten reduziert. Es dauerte über vier Stunden, bis ich mit der Rundfahrt fertig war. Voller Verzweiflung rief ich meine Helferin und Freundin Judith an und wir verabredeten uns, um Abhilfe zu schaffen.

Über sechs Stunden (sieben mit Vorbereitung) lagen am nächsten Tag vor uns – ein Weihnachts-Work-Out, dass kein Fitnessstudio bieten konnte. Wer behauptet, man könne zur Weihnachtszeit nicht abnehmen, der sollte mal einen solchen Nachmittag mit uns verbringen! Ausgerüstet mit einer Schneeschaufel legten wir im gesamten „Revier“ die wichtigsten Wege für uns und die Katzen frei (Abb. 2). Teilweise bildeten wir mit unseren Füßen schneepflugartige Trampelpfade. Aufgrund der extrem tiefen Temperaturen mussten mit einem Hammer die Wasserbehältnisse (Styropor) vom Eis befreit werden. Die Futterstellen wurden wieder gut bestückt und wir beide spendierten zudem frisches, gekochtes Fischfilet, damit unsere Schützlinge „Energie tanken“ konnten (Abb. 3, 4).

Letztendlich hatten wir unseren ganz besonderen Weihnachtsspaß (Abb. 5). Spaß ist das, was man daraus macht. Es wurde nach unserer Aktion gut gefressen, die Wege wurden rege von kleinen Katzenspuren überzogen und die Fütterungszeiten konnten wir aufgrund der freigelegten Wege ebenfalls reduzieren. Ich danke Judith Breuninger für den tollen Einsatz und das sie mir trotz Weihnachten, so sehr geholfen hat. @Judith: nein, ich weiß immer noch nicht, warum die Menschheit weiße Weihnachten haben möchte und warum es Wintersport gibt.

Abb. 4: Das heiße Wasser und das warme Futter im Spezial-behälter sorgen im Futterhäuschen für ein temporär frostfreies Mikroklima (teilweise bis 6 Stunden bei -10°C)

Abb. 5: Auch Spaß im Schnee gehört dazu: Schneeengel mitten auf einem Entsorgungsbetrieb

Sicherlich stellt sich so mancher die Frage, weshalb wir diese Mühe auf uns nehmen: Es ist das tiefe Gefühl, welches wir für „unsere“ Lieblinge empfinden. Ich selbst kenne die meisten nur von der Wildkamera oder von Kastrations- und Einfangaktionen. Sie sind so scheu, dass ich sie noch nie live gesehen habe. Aber einige von ihnen sehe ich regelmäßig, wie sie halb versteckt und mit gutem Abstand zu mir sitzen, warten und wenige Minuten später über die Mahlzeit herfallen. Die kleinen Seelen sind abhängig den Futterspenden sowie von mir und müssten leiden, ja sogar sterben, wenn ihnen niemand warme Plätze richten und sie mit Futter und Wasser versorgen würde. Diejenigen, die ich sehe, sehen gut genährt aus, sind gesund und teilweise schon richtig alt. Der Anblick meiner gesunden Schützlinge ist eine Entschädigung für so manchen anstrengenden Fütterungsabend.

Und so zieht es mich regelrecht raus zu ihnen, meinen geliebten Straßenkatzen.

Katharina Arnold
Aktive des KatzenschutzVereins Karlsruhe

Dieser Bericht ist meinen Streunern gewidmet: Samson, Biene, Lilli, Zweiauge & Friend, Blumenkohlohr & Friend, Diva, Humpty & Dumpty, Tiger, Mopsi, Shari, Tapsi, Zorro, Taps, Julchen, den Lorentztigern, der Mama und der gesamten Verwandtschaft meiner eigenen Kater Panda und Chaku sowie allen anderen scheuen Seelen meines Reviers 😉

 

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